Dem Führer ein Kind schenken – schreckliches Gerichtsurteil –

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Kinderraub durch Nationalsozialisten

Blond, blauäugig, entführt

Weil sie ihrem ideologischen Schönheitsideal entsprachen, raubte die SS-Organisation Lebensborn in den osteuropäischen Ländern einst unzählige Kinder. Viele davon wurden überzeugten Nationalsozialisten zur Adoption angeboten. Die Opfer leiden noch immer unter ihrem Schicksal – und warten auf Anerkennung.

Von Otto Langels

Eine Krankenschwester in einem sogenannten Lebensborn-Heim, ein Verein der nationalsozialistischen SS. (imago stock&people)
Eine Krankenschwester in einem sogenannten Lebensborn-Heim, ein Verein der nationalsozialistischen SS. (imago stock&people)

„Ich bin ein Lebensborn-Kind, laut der Papiere der Lebensborn-Gesellschaft am 17.10.1940 geboren in Oderberg, Oberschlesien. Aber diese Angaben sind gefälscht vom Verein Lebensborn. In der Tat heiße ich Alexander Litau, geboren in Alnowa auf der Krim.“

Alexander Litau ist heute 75 Jahre alt und lebt in Hamburg. Als Kind bekam er bei seinen Adoptiveltern den Namen Folker Heinecke. Er wurde nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Herbst 1941 von der SS vor seinem Elternhaus auf der Krim aufgegriffen und verschleppt.

„Vorher war ja Heinrich Himmler in Kiew und hat gesagt, alles was blond, blauäugig, arisch ist, nehmen wir mit, werden wir rauben und nach Deutschland bringen. Ich entsprach ganz genau den blonden Rassemerkmalen, blaue Augen, Kopfform etwas rundlich, aber auch in der Größe in allen Maßen ganz genau den Rassemerkmalen von Heinrich Himmler.

Kinder wie Alexander Litau, der heute Folker Heinecke heißt, wurden im Zweiten Weltkrieg verschleppt, weil sie den kruden Vorstellungen der SS von „arisch“ aussehenden Menschen entsprachen.

„Was an gutem Blut überhaupt auf der Welt vorhanden ist, an germanischem Blut, das haben wir zusammen zu holen“, hatte SS-Führer Heinrich Himmler 1942 auf einer Tagung erklärt. Und so raubten seine Verbände in Polen, Slowenien, Tschechien, Norwegen und der Sowjetunion sogenannte „rassisch wertvolle“ Kinder mit dem Ziel, sie „einzudeutschen“, wie es hieß. Viele Opfer wissen bis heute nicht, woher sie kommen und wer ihre wahren Eltern sind, da man sie als Kinder mit einer neuen Identität ausstattete. Wie viele Kinder von der SS verschleppt wurden, lässt sich nur mutmaßen, weil die meisten Unterlagen gegen Kriegsende vernichtet wurden und fundierte wissenschaftliche Untersuchungen bislang fehlen. Christoph Schwarz, Vorstandssprecher des Freiburger Vereins „geraubte Kinder – vergessene Opfer“:

„Die Zahl der Opfer ist zum Teil sehr unterschiedlich. In Polen geht man davon aus, dass es zwischen 50.000 und 200.000 Kinder waren. In Slowenien, in diesem kleinen Land, was ja auch total eingedeutscht werden sollte, wurden an die 1.000 Partisanenkinder verschleppt. Da gibt es auch Listen. Da leben heute noch an die 200 Opfer, die sind organisiert. Und wenn man anhand dieser Zahlen das projiziert auf diese annektierten Ostgebiete, dann ist es durchaus glaubhaft, dass mehrere hunderttausend Kinder verschleppt worden sind.“

„Ich war bei meiner leiblichen Mutter ja lediglich zehn Tage, als mich die Nazis dann wegholten und in eine Jugendsammelstelle brachten vom Jugendamt für zu arisierende Kinder“, erzählt Alexander Orlow. Er kam 1944 in Rudamühl in Westpreußen als Sohn der russischen Zwangsarbeiterin Ludmilla Orlowa zur Welt. Der Vater ist unbekannt.

„Vom Aussehen her bin ich als Arier durchgegangen. Das war mein großes Glück, zu überleben. Meine Stiefmutter hat mich dann am 14. Dezember 1944 aus dieser Sammelstelle herausgeholt. Meine Stiefmutter hat mir zwar nachher immer erzählt, dass die alle umgekommen wären, meine ganze Familie sei erschossen worden, ich wäre in einem Zelt vom Roten Kreuz gefunden worden – das ist alles gelogen gewesen. Denn nach Recherchen des Internationalen Suchdienstes hat man herausgefunden, dass meine leibliche Mutter noch bis April 1945 in dem Ort sehr lebendig gesehen wurde.“

„… wir suchen einen Nachfolger oder einen Sohn“

Alexander Orlows Pflegemutter konnte selber keine Kinder bekommen. Sie besorgte sich daher in der Sammelstelle einen „germanisch“ aussehenden Jungen und floh mit ihm vor der anrückenden Roten Armee nach Hamburg, wo Alexander unter dem Namen Heinz Kathers aufwuchs.

Während Alexander Orlow schon kurz nach der Geburt zu seiner deutschen Pflegemutter kam, hatte Folker Heinecke nach dem Raub durch die SS auf der Krim eine wahre Odyssee vor sich, wie er später durch eigene Recherchen herausfand. Im Rassehauptamt Lodz untersuchten ihn SS-Ärzte, ob er ihren „arischen Maßstäben“ entsprach. Als „eindeutschungsfähiges“ Kind kam der zweijährige Junge anschließend in die Gaukinderheime Bruckau und Kalisch im damaligen Warthegau, heute Polen. Von dort ging es weiter über das Heim Pommern in Bad Bolzin in das Haus Sonnenwiese in Kohren-Salis bei Leipzig. Dort blieb er etwa ein Jahr, bis ein wohlhabender Reeder aus Hamburg-Hausbruch auftauchte, der sein Adoptivvater werden sollte.

Folker Heinecke blättert in Unterlagen beim Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes in Bad Arolsen. (picture-alliance/ dpa - Rotes Kreuz )
Folker Heinecke blättert in Unterlagen beim Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes in Bad Arolsen. (picture-alliance/ dpa – Rotes Kreuz )

„Er hatte keine Kinder kriegen können. Dann musste ein Kind her. Heineckes hier in Hausbruch waren eben Nazis, die dachten, das mit Hitler ist eine gute Sache. Und dann haben sie Kontakt zu Heinrich Himmler gekriegt. Und dann sagte mein Vater wohl, du Heinrich, kannst du uns nicht helfen, wir suchen einen Nachfolger oder einen Sohn.“

Heinrich Himmler konnte helfen. Er vermittelte einen Kontakt zum Haus Sonnenwiese in Kohren-Salis bei Leipzig.

„Wir Kinder, ungefähr 20, 30, saßen auf der linken Seite, und meine Eltern kamen dann durch den Flur und setzten sich rechts hin und suchten sich ein Kind aus, na ja, wie man das so macht, wenn man einen guten Dackel oder einen guten Hund haben will, eine gute Rasse, suchte man sich damals ein Kind aus. Und mein Vater saß ganz allein da mit meiner Mutter zusammen drüben und die guckten dann und suchten uns aus. Und ich bin aufgesprungen und hab die Initiative ergriffen, die anderen saßen alle, und ich bin zu meinem Vater rüber gelaufen und habe meinen Kopf auf sein Knie gelegt. Und mein Vater hat gleich zu Minna gesagt, der passt ja wunderbar zu uns, den nehmen wir.“

Das Haus Sonnenwiese war eine Einrichtung der NS-Rassenorganisation Lebensborn. In den Heimen des 1935 auf Veranlassung von Heinrich Himmler gegründeten Vereins wurden kleine Kinder zwangsgermanisiert, ältere ab sechs Jahren kamen in sogenannte Heimschulen. Ihre wahre Identität verschwand hinter deutschen Namen und gefälschten Lebensläufen. Christoph Schwarz vom Verein „Geraubte Kinder – vergessene Opfer“:

„Dort wurden die Kinder dann zum Deutschtum gezwungen. Wenn sie polnisch sprachen, wurden sie geschlagen, wurden bestraft. Wenn die Kinder sich dann nicht eindeutschen ließen, wurden sie direkt wieder nach Lodz zurückdeportiert.“

Die Verantwortlichen des Vereins Lebensborn saßen 1947 auf der Anklagebank des alliierten Militärtribunals in Nürnberg. Aber sie kamen ungeschoren davon. In der Urteilsbegründung hieß es unter anderem:

„Der Anklagevertretung ist es nicht gelungen, mit der erforderlichen Gewissheit die Teilnahme des Lebensborn und der mit ihm in Verbindung stehenden Angeklagten an dem von den Nationalsozialisten durchgeführten Programm der Entführung zu beweisen.“

Die Lüge von den toten Eltern

In das Haus Sonnenwiese war 1942 auch Hermann Lüdeking verschleppt worden, angeblich ein Findelkind aus Lodz mit dem Namen Roman Rostakowski. Doch einen Jungen mit diesem Namen hat es dort nie gegeben. Seine wahre Herkunft kennt Hermann Lüdeking bis heute nicht. Aus dem sechsjährigen Roman wurde in Kohren-Salis Hermann. Nach einiger Zeit tauchte Maria Lüdeking in dem Heim auf. Sie suchte nach einem Ersatzkind für ihren im Krieg gefallenen Sohn.

„Anfang Dezember hat sie dann einen Anruf gekriegt, und dann hat man gesagt, sie könnte sich in Kohren-Salis ein Kind aussuchen. Und dann ist sie dahin gefahren. Ich habe unten gesessen mit meinem Spielkameraden. Und dann hat man uns raufgeholt in das Schwesternzimmer, und da hat die Oberschwester gesagt: Ja, Frau Lüdeking, da sind zwei Kinder, sie können sich eins aussuchen. Und dann hat sie gesagt, ‚ich nehm‘ den kleinen Hermchen, den werde ich mal wieder aufpäppeln, der sieht mir so krank aus‘.“

Der kleine Hermann konnte sich nicht über seine Pflegeeltern beklagen, sie behandelten ihn gut, waren aber überzeugte Nazis, worauf Himmler großen Wert legte. Beide waren Parteimitglieder, er Mitglied der SS, sie BDM-Führerin in Ostwestfalen-Lippe.

„Ich habe nie ein polnisches Wort gesprochen, ich habe immer Deutsch gesprochen. Ich hab nur mal gefragt, später mal, ich glaube, da war ich zehn oder elf, da habe ich gefragt, wer meine richtigen Eltern sind. Da hat meine Pflegemutter auch nur gesagt, das, was auch in der Geburtsurkunde steht: Vater tot, Mutter tot, sie leben nicht mehr.“

Heinrich Lüdeking und auch Folker Heinecke hatten Glück im Unglück. Sie wurden als Kinder entführt, kamen aber zu Pflegeeltern, die sie anständig behandelten. Dagegen wurde Janina Kunstowicz von ihrer Adoptivmutter misshandelt, mit Händen und Füßen ans Bett gefesselt und mit einem Riemen geschlagen. Die SS hatte sie 1941 als junges Mädchen aus einem polnischen Kinderheim in Posen in das Lebensborn-Heim Oberweis im Salzburger Land verschleppt. Die heute 85-Jährige ist schwer erkrankt, so dass ihre Tochter Bettina Grundmann-Horst für sie spricht.

„In Oberweis wurde sie dann von einer deutschen Lehrerin adoptiert, der das Amtsgericht attestiert hat, sie wäre zur Adoption aufgrund psychischer Störungen nicht geeignet. Sie hat dann irgendwie mit den Nazis einen Kuhhandel betrieben und hat illegal meine Mutter adoptiert, was dann im Laufe ihres Lebens dazu geführt hat, dass sie permanent versteckt wurde, von einer Schule auf die andere Schule.“

Denn nach dem Zweiten Weltkrieg suchte die leibliche Mutter ihre Tochter mithilfe des Internationalen Roten Kreuzes. Die Adoptivmutter versteckte daraufhin Janina, die inzwischen Johanna Kunzer hieß, und wechselte den Wohnort, um Nachforschungen zu erschweren. Nach dem Tod der Adoptivmutter beantragte Janina Kunstowicz 1989, wieder ihren polnischen Mädchennamen zu tragen. Doch das Regierungspräsidium Detmold lehnte dies ab:

„Sie haben keine Beweise erbracht, die zu einer neuen Beurkundung ihrer Geburt führen können. Sollten Sie weiter daran interessiert sein, Ihr Anliegen zu verfolgen, so müssen Sie mir nachvollziehbare Unterlagen vorlegen, aus denen zweifelsfrei zu ersehen ist, dass Sie mit Janina Kunsztowicz identisch sind.“

Eine absurde Argumentation: Deutsche Stellen hatten während der NS-Zeit Kinder verschleppt, mit einer falschen Identität ausgestattet und systematisch Dokumente über ihre Herkunft vernichtet. Jahrzehnte später fordern deutsche Behörden von den Betroffenen zweifelsfreie Unterlagen über ihre Geburt.

Ihre Mutter habe schließlich ein anthropologisches Gutachten in Auftrag gegeben, für das sie knapp 1.000 DM zahlen musste, erzählt Bettina Grundmann-Horst.

„Dieser Professor hat das Gutachten gemacht und hat zu 99,8 Prozent bestätigt, dass das Kind auf dem Bild meine Mutter ist mit der Geburtsurkunde in Polen. Und dann ging der Antrag los, dass sie ihre Papiere alle neu umschreiben musste.“

Janina Kunstowicz konnte schließlich wieder ihren polnischen Mädchennamen tragen, ihre leibliche Mutter aber lernte sie nie kennen.

„Meine Mutter hat auch Zeit ihres Lebens immer ihre Mutter noch weiter gesucht. Und sie hat immer wahnsinnig darunter gelitten, dass sie nicht gewollt war, dass jeder sie irgendwo abgegeben hat, dass sie nie richtig zu Hause war.“

„Ich leide ja heute noch drunter, dass ich nicht weiß, wer meine Eltern sind“

Was Bettina Grundmann-Horst von ihrer Mutter erzählt, trifft auch auf andere geraubte Kinder zu: Sie sind traumatisiert und leiden bis ins Alter unter Verlustängsten. Nur mühsam konnten sie sich aus der problematischen Beziehung zu ihren Pflegeeltern lösen. Es fällt ihnen schwer, dauerhafte Partnerschaften und normale Beziehungen zu ihren eigenen Kindern aufzubauen.

Hermann Lüdeking ist Vater von acht Kindern, Alexander Orlow ist kinderlos und hat nie in einer längeren Beziehung gelebt.

„Man will ja auch gerne wissen: Wie haben die Eltern ausgesehen, oder habe ich Geschwister oder habe ich keine Geschwister. Und das beunruhigt einen schon. Und ich leide ja heute noch drunter, dass ich nicht weiß, wer meine Eltern sind.“

„Ich wusste, dass die Ablösung von meiner Stiefmutter sehr schwer sein wird, weil die mich derartig vereinnahmt hat, quasi wie ein Stück Eigentum. Ich hatte mehrere Versuche unternommen, ich hatte mich damals gemeldet beim Deutschen Entwicklungsdienst, da wurde ich angenommen, und dann hat sie gedroht, sich umzubringen. Dann habe ich das abgeblasen. Und so habe ich dann immer weiter gelebt, bis ich dann so 30 war und dann mich selbstständig machte, und dann bin ich ausgezogen. Meinen jetzigen Geburtsnamen, den habe ich angenommen nach dem Tode meiner Stiefmutter, weil, das hätte ich nicht gewagt damals, diesen Namen zu tragen. Mir ist danach klar geworden, was diese Frau auf mich auch eine Macht, einen Druck ausgeübt hat.“

Obwohl die zwangsgermanisierten Kinder Leidtragende eines nationalsozialistischen Verbrechens sind, wurden sie in Deutschland bisher nicht als NS-Opfer anerkannt. Das Land Österreich hat den Betroffenen hingegen eine finanzielle Entschädigung in Höhe von rund 1.500 Euro zukommen lassen, eine bescheidene Summe, aber immerhin eine Geste. Die Bundesregierung hat dagegen entsprechende Vorstöße abgelehnt. Das CDU-geführte Finanzministerium stellte 2013 in einer Stellungnahme fest:

„Das Schicksal betraf im Rahmen des Kriegsgeschehens eine Vielzahl von Familien und diente der Kriegsstrategie. Es hatte nicht in erster Linie die Vernichtung oder Freiheitsberaubung der Betroffenen zum Ziel, sondern deren Gewinnung zum eigenen Nutzen. Hierbei handelt es sich um ein allgemeines Kriegsfolgenschicksal.“

„Für mich steht außer Zweifel, dass die Zwangsgermanisierten NS-Opfer sind. Nicht einfach nur Kriegsopfer, sondern NS-Opfer“, sagt dazu Günter Saathoff, Vorstand der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft, einer Organisation, die im Jahr 2000 im Rahmen der Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter gegründet wurde und heute die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wachhält.

„Auch wenn die Zwangsgermanisierten nicht unter die Definition des Paragrafen 1 des Bundesentschädigungsgesetzes gehören, sind sie unzweifelhaft Opfer nationalsozialistischen Unrechts und müssen in dieser Eigenschaft auch gewürdigt werden.“

Das Bundesentschädigungsgesetz aus dem Jahr 1953 bezeichnet als NS-Opfer, wer aus politischen, rassischen, religiösen oder weltanschaulichen Gründen verfolgt wurde. Aber zählen die geraubten Kinder nicht auch zu den rassisch Verfolgten? Schließlich wurden sie wegen ihres „arischen“ Aussehens verschleppt. Seit Jahren bemüht sich der Verein „Geraubte Kinder“ darum, dass die Gruppe der Zwangsgermanisierten vom Bundestag als NS-Opfer anerkannt wird, bisher vergeblich. Christoph Schwarz:

„Wir haben seit 2012 insgesamt viermal alle Bundestagsabgeordneten angeschrieben. Zwei Petitionen wurden negativ entschieden durch die Bundesregierung, und jeder Versuch ist im Prinzip kläglich gescheitert mit der Begründung, man habe kein Geld.“

Zu den Parlamentariern, die das Anliegen der geraubten Kinder unterstützen, gehören Ulla Jelpke von der Linken und der CDU-Abgeordnete Uwe Schummer.

„Das Wichtige ist meistens den Opfern ja gar nicht mal das Geld, was sie bekommen, sondern das Wichtige ist, dass sie anerkannt werden, dass ihnen ein Verbrechen zugefügt wurde.“

„Das ist eine Opfergruppe, die offenkundig überhaupt nicht im Zentrum der Anerkennung stand. Das Thema wird weiter bearbeitet, aber es ist ein dickes Brett. Die Regelung ist jetzt schon überfällig. Das müssen wir jetzt in dieser Zeit, wo die Menschen noch leben, auch versuchen, zumindest anzuerkennen.“

Die Bundesregierung sieht allerdings bisher keine Veranlassung, ihre Rechtsauffassung zu revidieren. Einzelne Betroffene haben deshalb inzwischen einen Antrag an den Härtefonds des Landes Nordrhein-Westfalen zur Unterstützung von NS-Opfern gestellt, unter anderen Bettina Grundmann-Horsts Mutter Janina Kunstowicz.

„Sie hat jetzt vor einer Woche den Entschädigungsbrief vom Land Nordrhein-Westfalen bekommen, dass meine Mutter eine Entschädigung bekommen hat – 3.600 Euro –, dass ihr dieses Unrecht widerfahren ist durch die Nazis.“

„Hier gibt es eine Leerstelle in unserer Erinnerungskultur“

In dem Schreiben heißt es unter anderem:

„Ich bedauere, dass Sie so lange um die Anerkennung Ihrer Identität und Ihres Schicksals als Opfer der nationalsozialistischen Rassenideologie kämpfen mussten. Das Ihnen zugefügte Unrecht des Nazi-Regimes ist bestürzend und beschämend zugleich.“

Womöglich kommt aufgrund solcher Einzelfallentscheidungen auf Landesebene noch einmal Bewegung in den Kampf um die bundesweite Anerkennung als NS-Opfer. Günter Saathoff von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft:

„Es ist ein jahrzehntelanger Kampf und eine Selbstbefassung der Gesellschaft und der Politik geschuldet, dass man das Verständnis, was war überhaupt NS-Unrecht, erweitert hat, und das ging nicht ohne Widerstände. Und ohne politische Initiative, ohne Sinneswandel im Parlament und ohne politischen Druck wäre vieles für andere Gruppen auch nicht passiert. Ohne eine Lobby gibt es keine hinreichende Anerkennung. Ganz offensichtlich braucht die Politik eine mehrjährige Sensibilisierung, um zu erkennen: Hier gibt es eine Leerstelle in unserer Erinnerungskultur.“

Einzelne Bundestagsabgeordnete wollen sich daher weiter für die geraubten Kinder einsetzen, damit nicht das eintritt, was Hermann Lüdeking befürchtet.

„Was ich nicht verstehe, dass die Bundesregierung sich da quer stellt. Die warten jetzt noch fünf Jahre, und dann ist sowieso keiner mehr da.“

Geradezu makaber mutet es an, dass Alexander Orlow als bisher einzige Würdigung einen Ehrenplatz auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf bekommen hat, zur Verfügung gestellt von der Geschwister-Scholl-Stiftung für Menschen, die unter einer schweren Verfolgung durch den Nationalsozialismus gelitten haben.

„Ich will ja noch nicht mal eine Entschädigung, ich will nur eine Anerkennung. Nicht, dass man das weiter bagatellisiert; vielleicht auch eine Entschuldigung dafür, dass man so da weggeschleppt wurde von seiner Mutter. Wäre schon nicht so ganz schlecht.“

September 1939. Die Nationalsozialisten marschieren in Polen ein. Sie überziehen Europa mit Terror und mit ihrer Ideologie der Herrenrasse. Zentrale Figur: Reichsführer SS Heinrich Himmler. Er ist besessen davon, arischen Nachwuchs zu sichern. Er entwickelt einen Plan. Zwischen 1941 und 1945 werden Kinder aus ganz Osteuropa entführt und zwangsgermanisiert. Einzelfälle? Nach den Berechnungen, die ich angestellt habe, gehe ich von 20.000 polnischen Kindern aus. In NS-Heimen müssen sie Deutsch lernen. Ihre Identität wird verschleiert. Vorher hieß ich Alodia Witaszek. Von da an Alice Wittke. Die Kinder von damals sind heute weit über 80. Viele wissen noch immer nicht, woher sie kommen. Die Unruhe bei mir, dieses Hin und Her, das hat sich irgendwie auch auf die Beziehungen gespiegelt. Ihr Schicksal ist bis heute weitgehend unbekannt. Jozef Sowa fährt so oft es geht an den Ort, an dem seine Eltern begraben sind. Er liegt am Stadtrand von Czestochowa, im Südwesten Polens. Er war 9 Jahre alt, als sie starben. Mir fehlt die Herzlichkeit der Erziehung durch Vater und Mutter. Wir wurden durch fremde Menschen erzogen. Das war schon so etwas wie eine Familie. Aber mein ganzes Leben lang fehlte mir das Herzliche, die Umarmung. Jozef Sowa wurde nur 41 Jahre alt, Franciszka 36. Sie sind begraben, wo sie gestorben sind. Ermordet von den Nationalsozialisten. Ihr Sohn Jozef ist heute 86 Jahre alt. Doch die Erinnerung an sein Zuhause ist nie verblasst. Dort und dort stand ein Dorfhaus mit 2 Räumen. Aus Holz und gemauert. Jetzt zeige ich, wo die Ställe waren. Und Vaters Werkstatt und der Bunker. Im 2. Weltkrieg versteckt Sowas Familie Juden und Partisanen. 7 Menschen leben hier 2 Jahre lang unter der Erde. Über diesem Bunker war ein Rohr, da kam Luft raus. Die Juden und die polnischen Partisanen lebten nur mit der Luft durch dieses Rohr. Meine Eltern gaben ihnen natürlich auch Essen. Und die ganze Tragödie, das Schlagen und das Foltern, das geschah hier. Die Deutschen kamen mit 2 Autos, Militär und Militärpolizei. Sie klopften an die Tür. Sie fragten, ob hier die Sowas wohnen. Sie begannen sofort, mit den Gewehren die Fenster einzuschlagen. Die Scheiben flogen raus. Meine Mutter weinte und ging mit uns Kindern auf den Hof. Wir Kinder liefen hinter Mama und Papa her. Wir waren alle fast nackt, nur in Hemdchen. Es war ja 5 Uhr morgens. Es war September, es war kühl. Die Deutschen fragten: Wo sind die Juden, wo sind die Partisanen? Sie gingen in die Scheune. Einen spitzen Metallstab hatten sie dabei. Damit stachen sie ins Stroh, ob sie einen Menschen treffen, der schreit. Aber nichts. Sie wurden wütend. Die Deutschen haben draufgehauen, womit sie konnten. Mit Harken, mit Heugabeln. Meine Mutter wurde mit der Heugabel 3-mal in den Bauch gestochen. Sie war schwanger. 6. oder 7. Monat. Meine Mutter sagte nichts mehr. Sie blutete. Mein Vater hatte einen zerschlagenen Kopf. Er hatte mit dem Gewehr eine verpasst bekommen. Der ganze Hof war voller Blut. Meine Mutter haben sie hierher geschleift, meinen Vater hierhin und uns Kinder hierher. Aber immer noch nichts gefunden. Nichts. Sie bereiteten Granaten vor. Zwischen der Werkstatt, den Ställen und unserem Haus. 4 bis 6 Granaten fielen in die Mitte des Hofes. In diesem Moment kamen die ersten Jüdinnen aus dem Bunker. Sie haben sie an den Haaren gezogen und geschlagen. Dann zündeten sie das Haus auch von der anderen Seite an. Die Soldaten erschießen die Eltern danach, werfen sie in eine Grube. An der Stelle, wo heute das Grab ist. Die Kinder überleben, müssen alles mit ansehen. Sie werden nach Deutschland verschleppt. So wie viele tausend Kinder ab 1941. Kinder, die ins Raster passen. Die als eindeutschungsfähig gelten. Jozefs Schwester Janina lebt bis heute in Deutschland. Sie ist Deutsche, germanisiert. Sie entspricht der reinen nordischen Rasse. Sie ist blond und hat helle Augen. Das passte den Deutschen gut. Wir haben unsere Schwester für immer verloren. Nicht als Polin, sondern als Schwester. Das Beste von uns ist in Deutschland. Etwas ist ganz klar: In diesen gemischten Völkern wird es immer wieder einige rassisch gute Typen geben. Hier glaube ich, haben wir eine Aufgabe: Die Kinder von denen zu uns zu nehmen. Sie aus der Umgebung rauszutun. Und wenn wir diese Kinder rauben und stehlen müssen. Bad Dürrheim in Süddeutschland. Hermann Lüdeking lebt hier, seit er Rentner ist. Woher er stammt, weiß er nicht. Die Neugier steckt in jedem drin, wie die Eltern ausgesehen haben. Ich weiß nicht, ob ich Brüder hatte, Schwestern, Nichten, Tanten usw. Das weiß ich doch nicht. Ich habe alles versucht. Ich bin in 20 Archiven gewesen. Ich habe gar nichts gefunden. Seit Jahrzehnten versucht er herauszufinden, wer seine Eltern sind, wo er geboren ist. Immer an seiner Seite: Lebensgefährtin Hannelore. Ja, danke schön. Schon als Kind ahnt er, dass es ein Geheimnis gibt. Mit 6 Jahren kommt er zu Maria und Hermann Lüdeking. Er spürt, dass sie etwas vor ihm verbergen. Der Stapel war im Schrank versteckt, von meinem Pflegevater. Als ich 13, 14 Jahre alt war, neugierig wie ich war, habe ich mal geguckt, was da drin ist. Ich bin schon immer neugierig gewesen. Ich habe das gesehen und habe da reingeguckt. Da habe ich schon ungefähr gewusst, was los ist. Dass das nicht meine Eltern waren, habe ich schon gewusst. Aber nicht, wie das zusammenhing. Und dann las ich die Urkunde: Vater tot, Mutter tot. Lüdekings Geburtsurkunde. Ausgestellt von den Behörden des Dritten Reiches. Hinter Vater und Mutter ein Strich. Bei Geburtsort steht Bruckau im Warthegau. Der Ort liegt in Polen. Im 2. Weltkrieg war er von Deutschland besetzt. Die Nationalsozialisten betrieben dort ein Kinderheim. Die Identitäten der geraubten Kinder wurden dort verschleiert. In Bruckau bin ich zum 1. Mal gewesen. Mit dem Hausmeister habe ich dort gesprochen, der hat noch gelebt. Ich habe gefragt, ob hier eine Geburt überhaupt stattgefunden hat. Hier in Bruckau, so wie es auf der Urkunde steht. Er sagte: Nein, eine Geburt hat hier nie stattgefunden. Inzwischen weiß Lüdeking, dass er wohl Roman Roszatowski heißt, bevor er zu den Pflegeeltern kam. Ob sein Geburtsdatum, der 20. Januar, stimmt, das bezweifelt er. Ich kann ein Jahr älter sein oder ein Jahr jünger. Vielleicht bin ich erst 36. Das Geburtsdatum war in den Unterlagen von Lodz der 21. Januar. Lodz in Polen: Das muss die 1. Station in seinem Leben gewesen sein. Wer ihn dort im Kinderheim abgegeben hat, weiß Lüdeking bis heute nicht. Was er weiß: Die Nationalsozialisten nahmen ihn von hier aus mit nach Deutschland. Entweder wir gewinnen das gute Blut, was wir verwerten können, und ordnen es bei uns ein. Oder, meine Herren, das sind nun … Sie mögen es grausam nennen, die Natur ist grausam. Oder wir vernichten dieses Blut. Aber drüben lassen, damit unser Gegner fähige Führer und Kommandeure bekommt? Das können wir vor unseren Ahnen und Söhnen nicht verantworten. Auch Alodia Witaszeks Schicksal ist untrennbar mit Lodz verbunden. Mit 5 Jahren kam sie ins Jugendverwahrlager in Litzmannstadt. So hieß Lodz unter deutscher Besatzung. Alodia besucht ihre Freundin Barbara Paciorkiewicz. Die beiden Frauen verbindet viel. Ihre Leben sind sehr ähnlich verlaufen. Sie sind in einer Schule verabredet. Sie befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Jugendverwahrlagers. Von der Direktorin lassen sie sich einen Raum zeigen, der an die Tausenden Kinder erinnert, die hier im Lager einsaßen. So wie Alodia, die 1943 hier ankam. Die Emilia-Plater-Straße müssen wir finden. Die ist dort. Dann müssen wir den Plan so drehen. Das heißt, mein Haus muss hier gewesen sein. Wie gut Sie sich an alles erinnern. Natürlich. Haben Sie von den Kindern der Gruppe um Dr. Witaszek gehört? Ich bin eine Witaszek. Alodias Vater war ein berühmter Wissenschaftler und Kopf einer Widerstandsgruppe gegen die Nationalsozialisten. Er wurde ermordet. Ihre Mutter wurde nach Auschwitz deportiert. Alodia geriet in die Maschinerie der Deutschen. Wie lange waren Sie im Lager? Wahrscheinlich war ich hier 8 Wochen. Im Rassenamt in Posen hatte man schon festgestellt, dass ich der sogenannten arischen Rasse entspreche. Die Deutschen wollten die arischen Kinder germanisieren. 3 Leben. 3 Schicksale. Eine Gemeinsamkeit: Sie alle sind Opfer des Rassenwahns von Heinrich Himmler. Der Reichsführer SS besucht 1941 das besetzte Polen. Reist durch den Warthegau. Polen wird 1939 zwischen den Sowjets und den Deutschen aufgeteilt. Der Westteil, der sogenannte Reichsgau Wartheland, wird ins Deutsche Reich eingegliedert. Andere Gebiete fallen unter deutsche Zivilverwaltung. Himmler hat die Vision, die Deutschen zum mächtigsten Volk der Welt zu machen. Nachwuchs sollte auch aus dem Ausland kommen. In erster Linie aus dem Osten. Im Bundesarchiv in Berlin finden sich Hunderte Dokumente, Anhand derer lässt sich die schrittweise Entwicklung bis hin zum organisierten Kinderraub nachvollziehen. Nach seiner Reise durch den Warthegau schreibt Himmler an Gauleiter Arthur Greiser: Isabel Heinemann, Professorin an der Universität Münster, forscht seit vielen Jahren zu den geraubten Kindern. Sie hat ein europaweites Forschungsprojekt gestartet. Mit ihren Kollegen analysiert sie 17.000 Akten ausländischer Kinder, die nach dem Krieg in Deutschland gefunden wurden. Die Wissenschaftler wollen die Wege nachvollziehen, die die geraubten Kinder genommen haben. Wegen der gezielten Verschleierung durch die Nazis ist das schwierig. Aufgrund der Berechnungen, die ich angestellt habe … Auf der Grundlage der Meldungen, wie viele Kinder verschickt wurden und wie viele nach dem Krieg aufgefunden wurden: Ich gehe von 20.000 polnischen Kindern aus. Hinter jeder Zahl steckt ein Schicksal von einem massiv aus den Fugen geratenem Leben. Das einen anderen Verlauf nahm. Um den Kinderraub ranken sich viele Mythen. Die Kinder seien Volksdeutsche gewesen. Also Deutsche, die außerhalb des Deutsches Reiches lebten. Es seien auch nur wenige nach Deutschland gebracht worden. Doch Himmlers Plan hatte System. Er war oberster Chef des Reichskommissariats für die Festigung des deutschen Volkstums. 1942 bringt er die Anordnung 67/I auf den Weg. Darin heißt es: Unterzeichnet wird die Anordnung von Ulrich Greifelt, Himmlers direktem Untergebenen. In den Nürnberger Prozessen wird er später aussagen, dass es einen konkreten Plan nie gegeben habe. Diese Verordnung geht an alle höheren SS- und Polizeiführer und SS-Führer im Rasse- und Siedlungswesen. Der SS-Apparat macht sich noch einmal klar, wie es zu funktionieren hat. Das ist ein Teil der Besatzungs- und Germanisierungspolitik, die man dem besetzten Polen überstülpt. Und anderen besetzten und annektierten Regionen. Heute geht man davon aus, dass europaweit etwa 50.000 Kinder entführt wurden. Sie kamen aus der Ukraine, aus Tschechien, aus Slowenien. Die größte Gruppe kommt aus Polen, denn die Maschinerie läuft im Warthegau an. Zunächst werden Waisenhäuser durchsucht. Danach werden alle Kinder, die bei Pflegeeltern leben, von den Jugendämtern einbestellt und gemustert. Es gibt genaue Vorgaben, wie ein gutrassiges Kind auszusehen hat. Erfasst werden 21 Merkmale wie: Wuchsform, Hinterhaupt, Nasenrücken, Körperbehaarung. Gesucht werden arische Typen. Also "rein Nordisch, rein Fälisch oder Nordisch-Fälisch". Nicht brauchbar für die Nazis: unausgeglichene Mischtypen. Schließlich werden auch Kinder verschleppt, deren Eltern noch lebten. So wie Alodia Witaszek. Sie durchläuft die Rasseuntersuchung nach der Deportation der Mutter. Sie kommt 1943 zur Eindeutschung ins Jugendverwahrlager in Litzmannstadt. Ein Mahnmal erinnert daran, dass hier Tausende Kinder leben und schwere Arbeit verrichten mussten. Erinnerungen werden wach, wenn sie hier steht. Zusammen mit ihrer Schwester Daria kam Alodia ins Lager. Man durfte von Anfang an kein Polnisch sprechen. Untereinander haben wir nur auf Polnisch geflüstert. Aber wir durften nicht zeigen, dass wir Polnisch sprechen. Für jeden Verstoß wurden wir bestraft. Jeder Kapo hatte einen Knüppel. Vor allem haben sie uns sehr laut angeschrien. Wir hatten Angst vor dem Gebrüll. Und erst recht vor den massiven Schlägen. Um 6 Uhr wurde man zum Appell geweckt. Das Durchzählen geschah auf Deutsch, was große Schwierigkeiten bereitete. Wir wussten nicht, wie es weitergeht. Dieser Appell dauerte deswegen sehr lange. Aber leider musste dieser Appell so lange dauern, bis unsere Erzieher die Gruppe durchgezählt hatten. Oft war es so, dass sie durch unsere Wohnbaracken gelaufen sind. Und dort fanden sie tote Kinder in den Betten. Litzmannstadt war für Alodia die 1. Station. Weitere sollten folgen. Kalisch. Bruckau. Bad Polzin. Tausende Kinder wurden durch diese Heime der Nationalsozialisten geschleust. Jedes Heim ein weiterer Schritt, ihre wahre Identität zu verschleiern. Geburtsdaten wurden geändert, Namen eingedeutscht. Aus Alodia Witaszek wird Alice Wittke. Ihre Freundin Barbara wird zu Bärbel. Sie wurden gezwungen, ihre Herkunft zu leugnen. Sie kamen schließlich beide zu deutschen Familien, erlebten ausgerechnet dort ihre glücklichsten Kindheitsjahre. Jozef Sowa lebt im Zentrum von Czestochowa. Bis heute kann er nicht akzeptieren, dass sich seine Schwester Janina dem deutschen Volk so nahe fühlt. Dem Volk, das so viel Leid über die Familie gebracht hat. Das sind die Briefe aus Deutschland, von meiner Schwester. Janina möchte nicht in diesem Film auftreten, möchte die Geschichte ruhen lassen. Das zeigen auch ihre Briefe. "Jozulein, wenn du bei uns bist, bitte nicht über Politik sprechen. Und den Krieg. Buzi, buzi, Küsse, Jasia, Anita." Wie in all ihren Briefen unterschreibt sie mit polnischem und deutschem Namen. Sie ist so germanisiert, dass sie in ihren Briefen schreibt, dass ich nicht über Politik oder die Geschichte sprechen soll. Weil sie sich dafür schämt. Sie will nichts über Polen wissen. Über die Erinnerung an ihre Familie. Sie lebt dort ihr Leben in Deutschland. Nach der Ermordung der Eltern kommen die 5 Geschwister ins damals deutsche Grottkau in Schlesien. Janina wird dort von einer Frau aus Hannover abgeholt. Sie wird adoptiert, wird zu Anita. Von den Behörden des Dritten Reiches ist das nicht dokumentiert. Nach dem Krieg wird Janina deshalb nicht gefunden. Doch die Geschwister suchen weiter. Bis Jozef Janina wiedersieht, vergehen fast 20 Jahre. Seitdem treffen sie sich regelmäßig. Hallo! Guten Tag, meine liebe Schwester. Bist du zu Hause oder bist du spazieren gegangen? Nun haben Sie ihre Stimme gehört. Jozefs Schwester wird kurz vor Kriegsende entführt. Einer Rasseuntersuchung muss sie sich nicht mehr unterziehen. Je länger der Krieg dauert, umso weniger scheren die Behörden sich um Vorschriften und Regeln. Janinas Verschleppung nach Deutschland: ein reiner Akt der Willkür. Freiburg in Breisgau. Hermann Lüdeking besucht Christoph Schwarz. Schön, dich zu sehen. Schwarz ist Lehrer. Er hilft Lüdeking seit Jahren. Sie wollen erreichen, dass die Bundesregierung die geraubten Kinder als Oper anerkennt. Dass sie eine Entschädigung erhalten. Schwarz interessiert sich seit Langem für das Schicksal der Kinder, hat einen Verein gegründet. Gemeinsam mit Lüdeking hat er Klagen vor deutschen Gerichten eingereicht. Vergeblich. Letzte Instanz: das Bundesverfassungsgericht. Das ist das Schreiben, das ich gekriegt habe. Und dass … … dass die das bearbeiten. Jetzt muss ich warten, bis ich mal einen Termin kriege. Ja, Hermann, ich würde vorschlagen, dass wir noch einen Brief schreiben an das Bundesverfassungsgericht. Dass sie sich beeilen sollen aufgrund deines hohen Alters. Ich finde es toll, dass er trotz seines Alters sagt: Ich kämpfe für Gerechtigkeit. Obwohl es nur um 2.500 Euro geht, einen symbolischen Betrag. Das ist ja ein Witz. Im Gesetz zur Entschädigung von NS-Unrecht heißt es: Diese Summe steht "rassisch Verfolgten nicht jüdischem Glaubens" zu. Auch Lüdeking zählt sich dazu. Es geht mir nicht um das Geld. Sondern um die Anerkennung, dass es ein Verbrechen war. Das ärgert mich. Die warten, bis es sich biologisch erledigt hat. Dann ist die Sache vorbei. Das ist alles. Die Bundesregierung argumentiert: Die Entführung gelte als allgemeines Kriegsfolgenschicksal. Ein Anspruch auf Entschädigung bestehe daher nicht. Oft wird angeführt: Im Vergleich zu anderen NS-Opfern ging es den geraubten Kindern gut. In Lüdekings Fall stimmt das. Die Pflegeeltern sind wohlhabend. Die Mutter ist Lehrerin, Vorsitzende vom Bund Deutscher Mädel in Ostwestfalen-Lippe. Sein Vater Oberstudienrat. Beide Mitglieder in der NSDAP. Hermann macht Abitur, studiert, wird Maschinenbauingenieur. Nur seine Herkunft ist nie Thema. Zurück in Czestochowa. Jozef Sowa hat Dienst. Seit 30 Jahren arbeitet er im Verein für Opfer, die vom Nazi-Regime verfolgt wurden. Er setzt sich dafür ein, dass sie Entschädigungen bekommen. In Polen gibt es verschiedene Fonds, aus denen germanisierte Kinder oder Kinder von Zwangsarbeiterinnen kleine Zahlungen erhalten. So auch diese Frau. Sie erhält von nun an 50 Euro pro Monat. Meine Dame, das ist doch schick. Aus diesem Schreiben geht hervor, dass Sie immerhin die 212 Zloty bekommen. Das heißt, wir haben Ihnen geholfen. Ja, natürlich. Anfang der 90er-Jahre hat Deutschland 500 Mio. D-Mark an Polen gezahlt. Als humanitäre Geste, wie es damals hieß. Auch für seine Geschwister wollte Jozef Geld beantragen, brauchte Janinas Zustimmung. Meine Schwester antwortete: Ich werde den Deutschen kein Geld stehlen, weil ich Deutsche bin. Barbara hat Alodia zu sich nach Hause eingeladen. Sie wollen sich austauschen über ihre Lebensgeschichten, die so ähnlich verlaufen sind. Wir sind ja fast Schwestern. Wir wussten beide lange nicht, ob wir Deutsche oder Polinnen sind. Aber ich denke auch, dass wir Glückskinder sind. Dass wir zu Familien kamen, die uns wie eigene Kinder behandelt haben. Barbara ist 3 Jahre alt, als sie gemustert und zur Germanisierung freigegeben wird. 1942 kommt sie zu ihrer deutschen Pflegefamilie. Als Bärbel wächst sie in Lemgo auf. Genau wie Alodia muss sie nach dem Krieg zurück nach Polen. Damals ist sie 10. Ich sage immer, dass mein Krieg erst nach meiner Rückkehr begann. Ja, ich sage das genauso. Die Eltern lebten nicht mehr. Es gab nichts mehr. Ich war ein ungewolltes Kind, mal hier, mal da. Du konntest kein Polnisch mehr. Genau, die Sprache konnte ich nicht mehr. Ich war dieses Hitlermädchen. Das deutsche Schwein. Für uns Kinder war die Rückkehr fatal. Aber für Polen verständlich. Es wollte seine Kinder zurückhaben. Nach dem Krieg, meinst du. Ja. Das ist extrem schwierig. Die Westalliierten machen das Kindswohl zum Gradmesser. Einerseits. Andererseits haben sie die berechtigten Ansprüche des polnischen Staates. Der sagt: Gebt uns unsere Kinder wieder. Das ist eine schwierige völkerrechtliche Gemengelage, in der die Verantwortlichen sich hier befinden. Alodia ist wieder zu Hause. Sie wohnt in Bydgoszcz. 2 Stunden nördlich von Lodz. Seit Jahren tritt sie als Zeitzeugin auf. Sie erzählt die Geschichte ihres Lebens. In wenigen Tagen reist sie wieder nach Deutschland. Hier in dem Album haben wir das Foto, als meine neue deutsche Mutti mich abgeholt hat. Frau Luise Dahl. Sie hatte keine eigenen Kinder. Im April 1944 nimmt Luise Dahl die 6-Jährige mit nach Stendal in Sachsen-Anhalt. Das Mädchen kommt dort in die Schule, genießt das Leben als geliebtes Einzelkind. 4 Jahre später kommt der Schock. Luise und ihr Mann Wilhelm Dahl bekommen eine Nachricht vom polnischen Roten Kreuz. Sie zerreißt die Familie. In ihrer Antwort schreibt Luise Dahl: Halina Witaszek, Alodias leibliche polnische Mutter, hatte Auschwitz überlebt. Mit diesem Foto suchte sie weltweit nach ihren beiden Töchtern. Und sie fand sie. Es kam die Nachricht, dass ich ein gestohlenes polnisches Kind bin. Und dass ich zurück muss in die Heimat. Da begann meine Mutti, mir von meinem Geschwistern zu erzählen. Über die 4 Jahre hatte ich die schon vergessen. Daher kehrte ich weniger widerwillig nach Polen zurück. Ich hatte keine Angst. Doch die Rückkehr ist schwer. Nur mit ihrer Mutter Halina kann sich Alodia verständigen, da sie gut Deutsch spricht. Alodias Glück: Der Kontakt zu ihrer deutschen Mutter bricht nie ab. Auch die beiden Frauen freunden sich an. Alodia war nun ihre gemeinsame Tochter. Ich hatte 2 Mamas. Diese beiden Mamas haben sich auch gegenseitig sehr geliebt. Sie hatten einfach Verständnis füreinander. Halina Witaszek glaubt den Dahls, dass sie nicht wussten, wer Alice wirklich war. Luise Dahl schreibt ans polnische Rote Kreuz: Hermann Lüdekings Pflegemutter wusste wohl, dass er kein deutsches Kind war. Sie holt ihn im Dezember 1942 aus dem Lebensbornheim "Sonnenwiese" in Kohren-Sahlis ab. Damals heißt er noch Roman Roszatowski. Der Lebensborn war ein Projekt Heinrich Himmlers. Unverheiratete Frauen konnten hier ihre Kinder bekommen. Die "Sonnenwiese" funktionierte als Heim für solche Kinder. Aber auch für Kinder wie Hermann. Die aus Polen, der Sowjetunion oder Jugoslawien nach Deutschland verschleppt wurden. Hermann ist eines der ersten Kinder, die hier an regimetreue Familien vermittelt werden sollen. Er erinnert sich, wie das ablief. Mit meinem Spielkameraden, das war der Roland, mit dem habe ich zusammen gespielt und gegessen. Dann kam eine Schwester und sagte: Ihr beiden sollt zu der Oberschwester kommen. Und dann sind wir rauf. Dort hat die Oberschwester gesessen und eine elegante Dame stand da. Also das war dann … Da wusste ich später, das war meine Pflegemutter mit einem Hut und einem Netz davor. Dann hat die Oberschwester gesagt: Ja, Frau Lüdeking, Sie können sich eins der Kinder aussuchen. Dann hat sie gesagt: Ich nehme das kleine Hermchen. Ich nehme den mit und päppele den auf, der sieht so blass aus. Dann hat die Oberschwester gesagt: Sie müssen nur hier unterschreiben, dann können Sie das Kind mitnehmen. Sie hat mich an die Hand genommen und wir sind raus. Dann sind wir mit dem Zug nach Lemgo in Ostwestfalen-Lippe gefahren. So war das. Wie auf einem Hühnerhof: Das Huhn möchte ich haben. Das sieht nicht so gut aus, aber das sieht gut aus. Mit den Kindern hat man es auch so gemacht. Damals ist er einfach froh, dass sich jemand um ihn kümmert. Er hat ein gutes Verhältnis zu Maria Lüdeking. Doch als er anfängt, nach seiner Herkunft zu forschen, sagt sie sich von ihm los. Lüdeking ist sicher: Seine Pflegemutter wusste, woher er kommt. Sie hatte Zweifel an seiner Entwicklung und wandte sich an Gregor Ebner, den ärztlichen Leiter des Lebensborn. Seine Antwort: Die Behörden wussten ganz sicher, woher die Kinder stammen. Das zeigte sich auch in den Nürnberger Prozessen. Erich Schulz war verantwortlich für die Adoptionen im Dritten Reich. Er sagte aus, er habe Günther Tesch gewarnt, den Rechtsberater des Lebensborn. Doch die Angeklagten blieben dabei: Die Kinder seien Volksdeutsche gewesen. Die Nationalsozialisten bzw. Rassenexperten der SS würden sagen: Wenn ein Kind in Polen gefunden wird, das rassenpolitisch überzeugt, dann gibt es nur eine Erklärung. Dass hier deutsches Blut zum Tragen gekommen ist. Dass die Kinder deutsche Vorfahren haben. Auf einer rein pervertierten Lesart von Genetik und Erbbiologie ist das gedacht. Die Amerikaner versuchen in Nürnberg, das Schicksal der geraubten Kinder zu ahnden. Die Anklage lautet: Entführung von Kindern fremder Völker. Doch die Richter erkennen nicht, wie viel Schuld die Mitarbeiter auf sich geladen hatten. Gregor Ebner, medizinischer Leiter des Lebensborn: freigesprochen, praktizierte weiter als Arzt. Günther Tesch, Rechtsberater des Lebensborn: freigesprochen, praktizierte weiter als Anwalt. Nur Ulrich Greifelt, Verfasser der Anordnung 67/I, bekam lebenslang. Doch nicht wegen Kindesentführung, sondern wegen seiner Rolle bei der Vertreibung von Völkern. Der Nürnberger Prozess ist in dem Punkt als tragische Fehlentscheidung anzusehen. Eben den Lebensborn, der die Heime in seiner Obhut hatte, als rein fürsorgerisch karitative Organisation anzuschauen. Und damit die Betroffenen von jeder Verurteilung freizusprechen. Das ist aus heutiger Sicht eine krasse Fehlentscheidung. Die man aber bewerten muss auf Grundlage des damaligen Informationsstandes. Und einer Verteidigungsstrategie der Angeklagten, die extrem erfolgreich war. Alodia Witaszek ist auf dem Weg nach Freiburg. Deutschland ist ihr vertraut. Sie hat ihre Pflegeeltern hier oft besucht. Vor Studenten der Katholischen Hochschule tritt sie heute als Zeitzeugin auf. Ihre Lebensgeschichte erzählt sie auf Deutsch. Wie bei jedem Vortrag. Darum haben sie uns neue Namen und Vornamen gegeben. Bis jetzt war ich Alodia Witaszek. Und von jetzt an bin ich Alice Wittke. Die Vorträge seien auch eine Art Therapie gewesen, erzählt sie. Ein Weg, mit der eigenen Geschichte zu leben. Sie haben erzählt, dass die Zeit in Deutschland Sie geprägt hat. Und Sie bezeichnen sich als Polin. Ist Deutschland für Sie auch ein bisschen Heimat geworden? Ich glaube, das stimmt. Das ist es auch für mich. Ich komme sehr gerne hierher zurück. Ich sage: In jedem Land sind sehr gute Leute und sehr schlechte Leute. Alodia Witaszeks Geschichte ist auch eine positive. Eine von viel Verständnis auf beiden Seiten. Sie will sie erzählen, solange sie kann. Der Tag der Abreise. Jozef Sowa fährt zum Familientreffen mit Schwester Janina. Ich habe Reisefieber. Ich habe diese Nacht nicht besonders gut geschlafen. Die Familiengeschichte wird auch diesmal wieder Thema sein. Dass Janina bis heute verleugnet, dass sie Polin ist, kann er ihr nicht verzeihen. Doch sie ist und bleibt seine Schwester. Die ganze Familie liebt sie. Sie ist sehr herzlich und mitfühlend. In der Familie nennen wir sie Prinzessin, weil sie so feinfühlig, nett und warmherzig ist. Hermann Lüdeking hat Post bekommen, vom Bundesverfassungsgericht. Wieder eine Niederlage. Der Kampf um Entschädigung ist verloren. Nach seiner Herkunft sucht er aber weiter. Nach den Stationen seines Lebens, die die Nationalsozialisten so akribisch verschleiert haben. Dass ich was herausfinde, das glaube ich kaum. Ich mache aber trotzdem weiter. Man weiß nicht, vielleicht findet man ein Korn. Die innere Unruhe, wenn man mit 84 Jahren nicht weiß, wer die eigenen Eltern waren: Die, so sagt er, verlasse einen nie.

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Schlafsaal mit Säuglingsbettchen im Lebensborn-Entbindungsheim Steinhoering (Oberbayern). Primäres Ziel von Lebensborn war zunächst die Unterstützung „rassisch und erbbiologisch wertvoller“ lediger Mütter und ihrer Kinder. (© picture-alliance/akg)
Folker Heinecke sucht in den Unterlagen des Internationalen Suchdiensts des Roten Kreuzes nach seiner Identität. Heineke wurde als Kind verschleppt und wuchs in einem Lebensborn-Heim auf. (© picture-alliance/dpa, Report)